ProNATs e.V. Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher

Nicaragua: Jugend im Aufstand

Seit dem 18. April ist Nicaragua in Aufruhr. Vor allem Jugendliche und Campesinos protestieren gegen die brutale Unterdrückung durch Polizei und paramilitärische Gruppen. Sie fordern den Rücktritt der Ortega-Regierung, die Aufklärung der staatlichen Verbrechen und die Bestrafung der Verantwortlichen. Bis zum 26. Juni wurden mehr als 200 meist junge Leute erschossen und mehr als 1500 schwerverletzt. Wir dokumentieren den Augenzeugenbericht einer jungen Mutter.

Schild: "Meine Mama hat mich nicht 9 Monate ausgetragen, damit mir eine Diktatur in 42 Tagen das Leben nimmt"

Jugendliche auf einer Demo in Managua am 30. April

Transparent mit den Namen der bis zum 30. April Ermordeten

Solidaritätsdemo am 10. Juni in Berlin

Nicaragua ist eines der Länder in Lateinamerika, wo in den 1990er Jahren eine Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher entstanden war, die sich Movimiento NATRAS nannte (ein Synonym für Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores). Sie umfasste zeitweise mehr als 6.000 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren, war in fast allen Teilen des Landes aktiv und hatte über die Landesgrenzen hinaus beachtlichen Einfluss auf den Diskurs über Kinderarbeit und Kinderrechte. In Nicaragua wehrte sich die Bewegung zeitweise erfolgreich gegen die Vertreibung der Kinder von ihren Arbeitsplätzen an Verkehrsampeln, es gelang ihr, kostenlose Behandlung arbeitender Kinder in staatlichen Krankenhäusern durchzusetzen und in der Polizeiausbildung den Kinderrechten Beachtung zu verschaffen.

Seit Beginn des neuen Jahrtausends hatten die NATRAS einen schweren Stand und konnten letztlich als selbstorganisierte Bewegung nicht fortbestehen. Ein Grund dafür war, dass sie mit staatlichen Stellen und manchen NGOs zunehmend in Konflikt über den angemessenen Umgang mit arbeitenden Kindern und der Kinderarbeit geriet. Regierungen verschiedener politischer Couleur gingen dazu über, auf autoritäre Weise jede selbstständige Bewegung von jungen Leuten zu unterdrücken. Dies geschah besonders unter dem seit 2007 wieder an die Macht gelangten Präsidenten Daniel Ortega. Er beanspruchte zwar, das Erbe der sandinistischen Revolution von 1979 zu vertreten, an der er als einer der führenden Leute beteiligt gewesen war, errichtete aber tatsächlich ein autoritäres Regime, das mehr und mehr den Charakter einer Familiendiktatur annahm (in seiner dritten, durch Wahlmanipulation erreichten Amtszeit machte er seine Ehefrau Rosario Murillo zur Vizepräsidentin).

Seit Ortegas Machtantritt herrschte scheinbar Frieden und Stabilität in Nicaragua, doch dies glich eher einer Friedhofsruhe. Sie wurde mit einer Mischung von sozialen Wohltaten, die an Wohlverhalten geknüpft waren, und einer strikten Sozialkontrolle mithilfe ausgrenzender und repressiver Praktiken erkauft. Immer häufiger kam es zu Menschenrechtsverletzungen. Mehrere örtliche Rebellionen, vor allem in ländlichen Regionen, wurden mit Gewalt im Kein erstickt. Die Jugend des Landes schien dies nicht zu kümmern, sie schien apathisch zu sein. Doch untergründig breitete sich große Unzufriedenheit aus.

Diese Unzufriedenheit kam nun im April für viele überraschend zum Ausbruch, als das Regime einer zunächst noch kleinen Protestdemonstration von Studierenden gegen eine Erhöhung der Sozialbeiträge und Kürzung der Renten mit einer solch brutalen Gewalt begegnete, dass es zu mehreren Toten kam. Seitdem wurden mehr als 200 meiste junge Leute bei Demonstrationen erschossen, mehr als 1500 wurden schwerverletzt, viele wurden auf Polizeistationen gefoltert oder sind spurlos verschwunden (unter den Toten waren mindestens 16 Kinder). Nun ist das ganze Land in Aufruhr, die Studierenden haben sich mit Campesinos, Gewerbetreibenden und der Bevölkerung der Armenviertel zu einer breiten, (noch) unbewaffneten Protestbewegung zusammengeschlossen und mit Streiks und Barrikaden im ganzen Land den Verkehr und die wirtschaftlichen Aktivitäten lahm gelegt. Die Katholische Kirche lud zu einem „Nationalen Dialog“, um eine friedliche Lösung der Krise zu erreichen.

Mitglieder von ProNATs haben persönliche Verbindungen zu Personen, die weiterhin auf Seiten der Regierung sind und Angst um ihr Leben und ihre Jobs bei staatlichen Stellen haben, ebenso wie zu Personen, die aktiv in der Protestbewegung sind und deren Leben täglich und nächtlich auf dem Spiel steht. Alle unsere Kontaktleute sehen sich den ursprünglichen Zielen der sandinistischen Revolution verbunden. Wie sie, so schmerzt auch uns der Hass, der sich zwischen beiden Seiten weiter ausbreitet. Dieser Hass wird vor allem durch das brutale Vorgehen von Teilen der Polizei und vor allem von paramilitärischen Banden, die im Schatten und unter dem Schutz der Polizei agieren, im wahrsten Sinne des Wortes befeuert. In der Protestbewegung finden sich Gruppen mit verschiedenen Interessen und es lässt sich nicht absehen, wohin sie führt. Doch wir halten es für unabdingbar, sie in ihrer Forderung nach Gerechtigkeit und Demokratisierung zu unterstützen. Wir sind davon überzeugt, dass nur ein baldiger Rücktritt der Regierung Ortega-Murillo und eine Aufklärung der Verbrechen zur Wiederherstellung des Friedens im Land führen kann.

In den deutschen Medien wird nur spärlich über die Situation in Nicaragua berichtet. Wir können das hier nicht kompensieren, wollen aber durch die Publikation eines Augenzeugenberichts wenigstens dazu beitragen, sich über die Situation in Nicaragua aus erster Hand zu informieren.  
Augenzeugenbericht einer jungen Mutter über die Situation in Nicaragua am 19. Juni 2018:

Dinge, die ich in den letzten zwei Monaten gelernt habe:

  1. Den Klang eines Mörsers vom Klang einer Kugel unterscheiden.
  2. Die Wirkung von Tränengas nimmt ab, wenn man Wasser mit Bicarbonat oder Milchmagnesia oder Alumin aufträgt.
  3. Das Laufen in Zickzack kann dein Leben wirklich retten.
  4. Verwenden des Telefons zur Videoaufnahme im „Bereitschaftsmodus“.
  5. Schwarze Kleidung tragen, weil sie weniger Aufmerksamkeit erregt.
  6. So mit dem Essen umgehen, dass ich einerseits sehr sparsam, aber gleichzeitig lecker esse. Denn es ist eine spür- und fassbare Tatsache, dass es das letzte Mal sein kann.
  7. Neue Wege und Routen zur Arbeit oder zu einem anderen Ziel wählen.
  8. Dass es Menschen gibt, die tausendmal mutiger und entschlossener sind als ich, die, während ich vor Empörung zittere, schreien, Steine und Mörser werfen, während sie vor ihren MÖRDERN stehen.
  9. Dass du immer noch mehr weinen kannst und dass nur durch Weinen mein Herz ein wenig beruhigt werden kann.
  10. Dass verdorbene Herzen mich immer wieder mit einer neuen Meisterleistung an Feigheit überraschen.
  11. Dass es egal ist, ob du ein Kind bist, du wirst trotzdem getötet, gefoltert und/oder verbrannt.
  12. Dass es neben den verdorbenen Herzen auch Menschen mit strahlenden Herzen gibt, die alles geben, was sie haben, einschließlich ihres Lebens, nur damit meine Familie und ich wieder das Licht der Welt erblicken können.
  13. Dass wir eine neue Generation haben, die Geschichte mit ihrem Blut schreibt, eine Ausnahmeerscheinung dieser als APATHISCH beschriebenen Generation. Sie verändert mein Land und unser Leben.
  14. Neue Ausmaße von Traurigkeit: Untröstlich WEINEN um einige Kinder, um einen Jungen, um einen alten Mann, um eine Mutter, die ich nie kannte, aber die ich als Teil meines Herzens fühle.
  15. Neue Kontakte knüpfen, Freundschaften vertiefen, mit Menschen, mit denen ich seit Jahren nicht mehr geredet habe.
  16. Gott danken für einen weiteren Tag Leben, denn wir haben Essen auf dem Tisch, denn an diesem Tag wachen wir auf und es hat nur wenige Tote gegeben.
  17. Dass ich meilenweit unter der brennenden Sonne laufen kann, weinen, singen und schreien, nur um zu zeigen, dass ich einen Standpunkt habe gegenüber denen, die sich allmächtig fühlen.
  18. Soziale Netzwerke als tödliche Waffen gegen Ungerechtigkeit und Lügen einsetzen.
  19. Stolz sein auf ein paar mutige Jugendliche, die sich nicht aufgeben wollen, fühlen, dass du ihr Bruder bist, ein Teil von ihnen, dass du diese Steine wirfst und rufst „Gebt ihr doch selber auf!“.
  20. Dass die katholische Kirche sich ein Herz gefasst hat und die Eltern sehr mutig waren.
  21. Meine Kinder mit tiefer Trauer anzusehen und Gott darum zu bitten, mir zu erlauben, ihnen eine bessere Zukunft zu geben, sie noch einmal zu sehen, sie nicht so schnell zu verlieren, nicht die Mutter zu sein, die heute die Leere umarmt. Dass ich weiter für meine Kinder da sein und mich noch ein paar Jahre um sie zu kümmern darf.

Zur Analyse der Situation verweisen wir auf das Anfang Juli erscheinende Heft 417 der Zeitschrift „ila“ der Informationsstelle Lateinamerika (https://www.ila-web.de/archiv/schwerpunkte). Darin finden sich u.a. Interviews mit Madelaine Caracas, einer studentischen Aktivistin aus Nicaragua, und mit Manfred Liebel, der in den 90er Jahren mit dem Movimiento NATRAS zusammengearbeitet hat und kürzlich von einem fünfwöchigen Aufenthalt in Nicaragua zurückgekehrt ist.

Aktualisiert: 26.06.2018